Zürich: Zeitreise nach Zürich
Auf dem Zürcher Münsterplatz fand vom 23. bis 25. April ein mittelalterlicher Markt statt. Die Städterinnen der Fraumünstergesellschaft hatten die Zürcher Landfrauenvereinigung eingeladen, mit ihren Produkten dabeizusein. Hat sich der Ausflug in vergangene Zeiten für die ... Nicholas Schaffner
Auf dem Zürcher Münsterplatz fand vom 23. bis 25. April ein mittelalterlicher Markt statt. Die Städterinnen der Fraumünstergesellschaft hatten die Zürcher Landfrauenvereinigung eingeladen, mit ihren Produkten dabeizusein. Hat sich der Ausflug in vergangene Zeiten für die Bäuerinnen gelohnt?
Dicht drängen sich die Menschen am letzten Aprilsamstag vor dem Viereckzelt mit dem Schild der Zürcher Landfrauen. Madeleine Roth und ihre drei Mitbäuerinnen haben sich in ungefärbtes Tuch gekleidet und ihr Haar unter die mittelalterlichen Kopfhaube gesteckt. Seit zehn Uhr morgens stehe ich hier und koche Zürcher Gerstensuppe mit Gemüse-, meint die Bäuerin aus Glattbrugg ZH und rührt mit der grossen Holzkelle im Bottich. Dicke Dampfschwaden steigen auf, Erwachsene und Kinder kaufen eifrig Suppe, inklusive Geschirr und Holzlöffel für zehn Silberlinge, daneben leeren sich die Körbe mit Birnenweggli und Dinkel-Leinsamenbrötli. Auch der Most, süss und sauer, verkauft sich schnell.
Mittelalter und Moderne
Im Schatten des Fraumünsters hat sich ein Trupp Ritter niedergelassen. In Kübeln kochen sie Fleisch und Gemüse über dem Feuer. In ihren Rundzelten blinken hochpolierte Kettenhemden und Topfhelme, während sich ihre Besitzer auf dem fellbelegten Liegebett entspannen oder mit einem Edelfräulein unterhalten.
Am frühen Nachmittag ist das Gedränge auf dem Münsterplatz am dichtesten. Akrobaten, Narren, Musikanten mit Instrumenten aus vergangener Zeit ergötzen die eleganten Einheimischen, die zwischen Bahnhofstrasse und Limmatquai eingekauft haben. Ein Bettler in Lumpen fleht herzerweichend um Almosen, ein Mönch schaut tief in den Bierkrug. Handwerker aller Art, Töpfer, Glasbläser, Korber, Silberschmiede, Lederer, Hutmacher, Filzer und Schuhmacher locken mit ihren Waren. Rhythmisch klingt der Hammerschlag eines Schmieds auf der Schwertklinge aus Damaszener Stahl. Kinder zielen mit Pfeil und Bogen auf Scheiben oder üben sich im Hufeisenwerfen.
"Du Hundsfott wirst bald meinen Stahl schmecken!" ruft ein Ritter im Zuschauerrund auf der Platzmitte seinem Zweikampfgegner zu. Der grunzt nur verächtlich und spuckt auf den Boden. Die Fraumünster-Gesellschafterinnen haben sich unter die Menge gemischt und verkaufen als mittelalterliche Nonnen Pins und Programmhefte.
Chance für Image und Geldbeutel
Als die Zürcher Landfrauen über den Umweg des Kantonalen Bauernverbandes die Anfrage erhielten, ob sie sich am inszenierten Mittelaltermarkt mit ihren Produkten beteiligen wollten, sagten sie zu. Immerhin gelangten sie so zu einem Verkaufsplatz im Herzen der grössten Schweizer Stadt mit hohem Preisniveau in einer Zeit der sich auflösenden Absatzgarantien. Doch für die Zürcher Bäuerinnen bedeuteten die drei Tage Mittelaltermarkt viel Arbeit: Dreissig Bäuerinnen haben in Schichten von drei bis vier Frauen den Verkauf bestritten. 400 Liter Suppe, 2000 Brötli, 700 Birewegge und 600 Säckli Öpfelschnitz wurden abgesetzt. Nicht nur finanziell hat sich die Sache gelohnt, "besonders die Begeisterung der Besucher und die gute Zusammenarbeit mit der Fraumünstergesellschaft waren sehr positiv", erinnert sich Madeleine Roth. Auch das Wetter spielte zum Glück optimal mit. Träge hängende Wolken liessen jeden Gedanken an einen Ausflug bei den Städtern schwinden, trotzdem blitzte die Sonne immer wieder durch und erheiterte das Publikum. So hat sich der ganze Aufwand gelohnt. Ob sich damit ein neuer Verkaufskanal aufgetan hat, bleibt jedoch offen.
Immerhin wurde rege gehandelt, wobei historische Unvereinbarkeiten elegant umgangen wurden. "Acht Silberlinge bitte", heischte eine junge Frau, die im grünen Schnürmieder Schafskäse in Brotfladen verkaufte. "Ich habe leider nur Papiergeld", bedauerte ein älterer Zürcher. "Macht nichts", lacht sie, "diese Falt-Taler sind bei uns sogar noch beliebter".




