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Armati Equites, die 1997er Ritter von Ingstetten

Ritter Mathias von der Roggenburg gilt als ausgezeichneter Reiter und versteht es vortrefflich, Schwert und Morgenstern zu führen. Don Rodriguez Estefan trägt die Maske des Schwarzen Ritters mit Stolz. Und Friedrich Karl Graf von Stotzingen ...
30köpfige Rittergruppe orientiert sich am Leben des Mittelalters - Für Kinder, Frauen und harte Männer ein Vergnügen

Roggenburg-Ingstetten (alf). Ritter Mathias von der Roggenburg gilt als ausgezeichneter Reiter und versteht es vortrefflich, Schwert und Morgenstern zu führen. Don Rodriguez Estefan trägt die Maske des Schwarzen Ritters mit Stolz. Und Friedrich Karl Graf von Stotzingen imponiert seinen Gegnern mit Lanze und Streitaxt. Keine Szene aus einem Robin-Hood-Film, sondern harte Realität bei den „Armati Equites“, den Rittern in Ingstetten.

Riesige Rösser stampfen ihre Hufe in den weichen Boden und streuben sich wiehernd gegen die Zügel. Ein Lagerfeuer knistert, die Frau im wallenden Gewand trinkt aus einem ausgehöhlten Rinderhorn. Mittelalter pur? Nicht ganz, denn die Minnegesänge dröhnen aus der Lautsprecherbox, und auf dem selbstgebauten Holztisch steht neben der handgeschnitzten Schüssel eine Colaflasche. Doch daran stört sich bei den „Armati Equites“, den gewappneten Rittern, kaum einer.

An der Schwelle zum 12. Jahrhundert

Denn die Mitglieder des jungen Vereins tauchen nur für einige Stunden ins Mittelalter an der Schwelle zum 12. Jahrhundert. Nach einem Wochenende oder einem der wöchentlichen Treffs wird aus dem gefürchteten Ritter Mathias von Roggenburg wieder der ganz friedfertige Mathias Taubert, der jeden Morgen mit dem Auto zur Arbeit fährt. Der Zungenschlag von Don Rodriguez Estefan erinnert eher an Sachsen als an den spanischen Königshof - kein Wunder, schließlich hängt am Türschild des Schwarzen Ritters normalerweise der Name Stefan Grüttner. Und mit Friedrich Karl Graf von Stotzingen hat Fritz Karl Junginger auch nur die Vornamen und den Heimatort gemeinsam - beides zufällig.

Im „realen“ Leben sind sie Dachdecker, Maschinenbauer, Angestellte oder Hausfrau. Doch wenn sich die 30 Mitglieder der"Armati Equites" treffen, lassen sie ihre 1997-Existenz zurück und verwandeln sich in stolze Ritter, mutige Bogenschützen und ehrbare Burgfräulein. Witz? Spinnerei? Oder Spielerei? Wohl von alledem ein bißchen, und doch ist es viel mehr, was die Hobby-Ritter antreibt. Die Liebe zum Mittelalter, ein guter Schuß Abenteuerlust und der Wunsch, etwas anders zu sein - all das zusammen mache die Vereinsmitglieder zu einem eingeschworenen Häufchen von Individualisten, erklärt Mathias Taubert alias „Mathias von der Roggenburg“, und dabei ist ihm gar nicht zum Scherzen zumute.

Historische Vorbilder

Die Aktiven verwenden jede freie Minute dazu, in uralten Schriften und Büchern nach historischen Vorlagen für ihre selbstgefertigten Gewänder, Helme, Trinkhörner, Lanzen, Äxte, Feueressen, Schemel und vieles mehr zu suchen. Auch ihre Namensvorbilder werden ganz bewußt ausgewählt.

Wenn sich die „Gewappneten Ritter“ treffen, denken, fühlen, reden, trinken und lachen sie wie Menschen aus dem späten 11. Jahrhundert. Über den grobgezimmerten Holztisch weht warmer Rauch, der im Hals kratzt und dennoch ein wohliges Gefühl vermittelt. Der Himmel wird von einem Zeitdach aus groben Leinen verdeckt, kalter Wind läßt selbst die hartgesottenen Ritter schaudern. Doch spätestens beim Anlegen ihrer Rüstungen geraten die Männer ganz schön ins Schwitzen: Allein das Kettenhemd wiegt satte zehn Kilogramm, dazu kommen unzählige Schichten aus Leder, Stoff und wieder Leder.

Beim Kämpfen geht's hart her

Der Topfhelm läßt nur schmale Schlitze zum Sehen frei, die Hände sind von eisenbewehrten Handschuhen geschützt, die Beine stecken in knochenharten Leder-Leggings. Die Frage nach dem Wozu der ganzen Verkleidung beantwortet sich fast von alleine, wenn die Ritter mit echten (!) Stahlschwertern aufeinander losgehen oder im wilden Ritt ver- suchen, sich mit einer meterlangen Lanze vom Pferd zu stoßen.

Das sieht nicht nur gefährlich aus, das ist es auch. Blaue Flecke werden mannhaft übersehen. Gestauchte Finger? Geprellte Schultern? Ein Ritter kennt keinen Schmerz. „Nur wenn eine Wunde genäht werden muß, gehen wir schon zum Arzt“, sagt Mathias Taubert alias Mathias von der Roggenburg augenzwinkernd.

Doch trotz all dem martialischen Säbelrasseln - irgendwie herrscht unter den Rittern keine Spur von Aggressivität. Alle sind gutgelaunt, unter dem mittelalterlichen Zeitdach herrscht eine freundschaftliche, familiäre Atmosphäre, die auch Fremde sofort gefangen nimmt. Wie kann das funktionieren? Vereinschef Mathias von der Roggenburg - pardon Mathias Taubert erklärt, daß ein Ritterturnier heute wie vor 1 000 Jahren nach strengen Regeln abläuft und auch beim härtesten Kampf die Regeln der Fairneß gelten. Das letzte Wort hat immer der Herold, der auch den bis an die Zähne bewaffneten Rittern im Streitfall,den Zahn zieht und für Ordnung sorgt. So ernst wie früher, als es um Leib, Leben und Vermögen ging, sehen die 1997er Ritter ihre Turniere ohnehin nicht.

Show steht im Mittelpunkt, doch mit "modernen" Schaukämpfen ähnlich dem berühmten Kaltenberger Ritterturnier haben die 30 wenig am Hut. „Das ist doch Kommerz pur“, sagt „Don Alfredo“ abschätzig. Er, der sonst Alfred Neumayer heißt und aus Krumbach stammt, ist der „Pfaffe“ der Gruppe und trägt stolz seinen grauen Talar zur Schau. „Pfaffe“ sei keineswegs abschätzig, betont „Don Alfredo“, so hießen die Geistlichen damals eben. Wenige Schritte genügen um aus der mittelalterlichen Welt der „Armati Equites“ hinaus ins 20. Jahrhundert zu treten.

Auftritt beim Schützenfest

Erleichtert? Nein. Das Leben und Treiben der gewappneten Ritter hat seinen Charme, der für Außenstehende zwar ziemlich verrückt sein mag. Wer aber erst einmal die donnernden Pferdehufe, klirrenden Schwerter und (vielleicht vor alledem) die Freundschaft unter dem Rittervölkchen erlebt hat, will mehr davon. Kein Problem: Am Samstag, 14. Juni, treten die Ritter erstmals beim Weißenhorner Schützenfest in der Öffentlichkeit auf. „Wir haben schon jetzt alle Lampenfieber“, gesteht Ritter Mathias von der Roggenburg - und verschwindet wieder unter seinem eisernen Ritterhelm.

Quelle: 
Illertisser Zeitung / Neu-Ulmer Zeitung
Erscheinungsdatum: 
22. Mai 1997